Hl. Therese von Lisieux

therese-lisieux-12.jpgIn einer kurzen Geschichte beschreibt die Kleine Therese auf ihre ganz besondere Art und Weise die Form ihres Gebets. Sie sieht sich als kleiner Vogel, der vom Licht der göttlichen Sonne angezogen ist, auch wenn ihn mancherlei Ablenkungen immer wieder von der Betrachtung abbringen. Doch immer wieder zieht die göttliche Liebe den Blick des kleinen Vogels an. Die Kleine Therese beschreibt hier mit einfachen Worten die großen Worte des heiligen Thomas von Aquin, der Kontemplation definiert als „ein einfaches Schauen auf die Wahrheit unter dem Einfluß der Liebe.“ Therese schreibt:

Ich sehe mich selbst nur als einen schwachen, kleinen Vogel, der bloß mit leichtem Flaum bedeckt ist; ich bin kein Adler; von ihm habe ich nur die Augen und das Herz, denn trotz meiner äußersten Kleinheit wage ich es, das Auge unverwandt auf die Göttliche Sonne, die Liebessonne zu richten, und mein Herz fühlt in sich all das Sehnen des Adlers …

Der kleine Vogel möchte dieser strahlenden Sonne, die sein Auge entzückt, entgegenfliegen … Aber ach! Alles, was er vermag, ist, seine kleinen Flügel zu heben, aber aufzufliegen, das steht nicht in seiner kleinen Macht! …

Doch den kleinen Vogel betrübt das nicht. In seinem verwegenen Sichüberlassen will er im Anblick seiner Göttlichen Sonne verharren; nichts kann ihn erschrecken, weder Wind noch Regen, und wenn düstere Wolken ihm das Liebesgestirn verbergen, so rührt sich der kleine Vogel nicht von der Stelle. Er weiß ja, daß über den Wolken seine Sonne stets leuchtet …

Doch oft läßt sich das unvollkommene kleine Geschöpf von seiner einzigen Beschäftigung ein wenig ablenken; es pickt ein Körnchen zur Rechten und eines zur Linken, läuft einem kleinen Wurm nach … trifft dann eine kleine Wasserpfütze und netzt sein Gefieder, sieht eine Blume, die ihm gefällt …

Doch dann wendet sich der kleine Vogel wieder seiner Vielgeliebten Sonne zu, setzt seine durchnäßten Flügelchen ihren wohltuenden Strahlen aus und in seinem leisen Lied gesteht er, erzählt er seine Treulosigkeiten bis ins einzelne; in der Verwegenheit seiner Hingabe glaubt er, auf diese Weise mehr Macht über den zu gewinnen, restloser die Liebe dessen auf sich zu lenken, der nicht gekommen ist, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder …

O Jesus, wie glücklich ist doch dein kleiner Vogel, schwach und klein zu sein, was würde aus ihm werden, wenn er groß wäre? Niemals hätte er den Mut, sich deiner Gegenwart zu stellen, vor dir zu schlummern …

Denn auch das ist noch eine Schwäche des kleinen Vogels. Wenn er den Blick auf die Göttliche Sonne gerichtet halten will, und die Wolken ihn daran hindern, auch nur einen einzigen Strahl zu sehen, dann fallen ihm unwillkürlich die kleinen Augen zu, sein kleiner Kopf versteckt sich unter dem kleinen Flügel, und das arme kleine Wesen schläft ein und glaubt dabei, seinen Blick noch immer auf sein Geliebtes Gestirn gerichtet zu halten. Beim Wiedererwachen betrübt er sich nicht, sein kleines Herz bleibt im Frieden, er beginnt sein Amt der Liebe von neuem. Er ruft die Engel und Heiligen an, die sich wie Adler zum verzehrenden Feuerherd emporschwingen, wonach er sich sehnt, und die Adler haben Mitleid mit ihrem kleinen Bruder, beschützen, verteidigen ihn und schlagen die Geier in die Flucht, die ihn zerreißen möchten.

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