Unbegreiflich (2)
Ich möchte heute einige erläuternde Worte zu den gestrigen Text von Karl Rahner anführen. Dort heißt es, dass das Leid eine wirkliche Erscheinung der Unbegreiflichkeit Gottes in seinem Wesen und in seiner Freiheit ist.
Als Menschen können wir bis zu einem gewissen Grad Gott „verstehen“. Dies ist möglich, weil Gott den Menschen als Abbild Gottes geschaffen hat, nicht als ein Wesen, das von Gott getrennt exisieren soll, sondern als ein Wesen, das in höchstem Maße auf Gott hin ausgerichtet ist. Der Mensch muss also eine Art „Antenne“ für Gott haben, modern ausgedrückt so etwas wie eine WLan Verbindung, über die ein ständiger Datenaustausch mit Gott möglich ist. Dies ist eine ganz persönliche Verbindung, wie wir es beispielsweise im Gebet erfahren können. Gott will, dass wir etwas von ihm wissen.
Aber doch bleibt Gott uns auch verborgen, mit unserem begrenzten Fassungsvermögen können wir niemals die unbegrenzte Tiefe Gottes ergründen. So bleiben manche Zusammenhänge für uns im Dunkeln. Ein Beispiel dafür ist das Leid. Es bleibt uns letztlich unbegreiflich, wie Gottes unendliche Liebe und Güte mit dem Leid in Einklang gebracht werden kann, warum Gottes Freiheit sich dafür entschieden hat, Leid zuzulassen und nicht andere Mittel und Wege gefunden hat.
Solchen Fragen können wir uns als Menschen nur unvollkommen annähern. Wir werden es nie schaffen, durch unsere Erklärungsversuche jede Kritik an Gott zum Verstummen zu bringen. Gott bleibt letztlich unbegreiflich und bleibt somit auch für viele ein Stein des Anstoßes. Es ist das Geheimnis der Liebe, die Ja sagt, auch zu dem, was am anderen unverständlich bleibt. Gott liebt uns mit seiner unendlichen Liebe. Bitten wir ihn darum, dass wir diese Liebe erkennen und auf die uns mögliche Art und Weise mit unserem Ja zu Gott beantworten können.
Am 6. November 2009 um 10:09 Uhr
Zum heutigen Text eine Betrachtung von Chiara Lubich:
Einswerden mit Gott und der Schmerz
An vielen Orten hab ich dich gefunden, Herr!
Ich hörte dein Herz schlagen
in der Stille einer Bergkapelle,
vor dem Tabernakel
im Halbdunkel einer leeren Kathedrale …
Ich fand dich in der Freude.
Ich suche dich und finde dich oft.
Immer aber finde ich dich im Schmerz.
Ein Schmerz, gleich welcher Art,
ist wie der Klang einer Glocke,
die die Braut Gottes zum Gebet ruft.
Wenn der Schatten des Kreuzes naht,
sammelt sich meine Seele
im Tabernakel meines Innern.
Und sie sieht dich, sie spricht mit dir.
Du bist es, der zu mir kommt.
Und ich antworte dir:
“Herr, da bin ich.
Dich will ich, dich wollte ich.”
Und in dieser Begegnung
spürt meine Seele nicht ihren Schmerz;
sie ist wie trunken von deiner Liebe:
umhüllt von dir, durchdrungen von dir;
ich in dir, du in mir.
(Vielleicht ist dieser Text (durch Lesen) genauso unverständlich,
wie der oben, vielleicht kann diese Liebe nur “erlitten” = erfahren
werden auf dem je eigenen Lebensweg.) Anna